Online Mediation Glaubenssatz 3

Ein offener und konstruktiver Austausch zwischen Konfliktparteien funktioniert nur, wenn sie einander direkt gegenübersitzen!

In Mediation ist meines Erachtens der direkte und unmittelbare Kontakt maßgeblich dafür, einander Zuhören zu wollen, den Äußerungen des Anderen Glauben schenken zu können und sich zu trauen, erlebte Kränkungen und Verletzungen anzusprechen. Dafür spielt das Miterleben der unmittelbaren nonverbalen Reaktionen unseres Gegenübers eine wichtige Rolle.

Ein weiteres Argument für den unmittelbaren Kontakt: Studien zum Verhalten im Netz weisen immer wieder darauf hin, dass die menschliche Beißhemmung bei zunehmender erlebter Distanz stark abnimmt. Bisher geltende Spielregeln des Miteinanders und des Kontakts scheinen dann nicht mehr zu gelten.
Und wenn wir ganz ehrlich sind, haben wir das doch in der Praxis auch an uns selbst schon mal erlebt, oder?  Wer kann von sich ehrlich behaupten, noch nie eine mit Wut gepfefferte E-mail geschrieben zu haben, oder noch nie am Telefon ungemütlich geworden zu sein? Wer hat noch nie einen leicht gehässigen Online-Kommentar oder eine frustrierte Bewertung abgegeben? 

Je weniger wir der unmittelbaren Reaktion unseres ‚Gegenübers‘ ausgesetzt sind, desto mehr lassen wir unserer Wut und unseren Aggressionen gerne mal freien Lauf. Mühsam erlernte Impulskontrollen lassen wir dabei einfachmal kurz ruhen.


Deshalb sah mein bisheriges Horrorszenario von Online Mediation in etwa wie folgt aus:

Ein Mediant fängt betont sachlich und überheblich an, seine Sichtweise über die Situation zu schildern. Diese Schilderung ist gespickt mit unterkühlt vorgetragenen Vorwürfen und Vorhaltungen der anderen Konfliktpartei gegenüber und artet sehr schnell in eine Litanei der finalen Abrechnung aus. Die anderen Konfliktbeteiligten stellen deshalb einfach den Ton aus und warten bis der Redeschwall ein Ende zu haben scheint. Dann startet der nächste mit seiner Batterie an Vorwürfen und Anklagen. Zuhören: Fehlanzeige. Sich mit den anderen Sichtweisen auseinandersetzen? Kein bisschen. Stattdessen: Sich endlich mal den gesamten Frust ohne Rücksicht auf Verluste von der Seele reden. Herrlich – für einen kurzen Augenblick. Langfristig leider gar nicht zielführend oder klärungsförderlich.

Völlig ausgeblendet habe ich dabei in meinen Vorstellungen die andere Seite der Medaille. 


Auf dieser Seite steht, dass für viele Menschen die Hürde, sich in eine Mediation zu begeben, darin besteht, dem ‚Kontrahenten‘ zu begegnen, seine Gegenwart aushalten zu müssen. Die Sorge, (wieder) aufkommende Kränkungen in Gegenwart des anderen nicht aushalten zu können, lässt diese Menschen zögern, sich der Konfliktklärung zu stellen. 
Die räumliche Distanz bei Online Mediation wird hier als Schutzzone empfunden. Das Fehlen der unmittelbaren nonverbalen Reaktion als Erleichterung. Für vielen denen es so geht, bietet die virtuelle Konfliktmoderation eine Möglichkeit, sich dem Konflikt, nicht aber ‚dem Gegner‘ zu stellen. 


Die räumliche Distanz führt also in gewisser Weise tatsächlich zu einer emotionalen Distanz. Genau diese führt aber oftmals dazu, dass sich Konflikte schneller lösen lassen. Bei Online Mediationen sind die emotionalen Wogen nicht so hoch. Die Medianten sind deshalb weniger damit beschäftigt, die eigenen Gefühle zu managen und können sich deshalb in vielen Fällen früher auf die Sichtweise der anderen einlassen. Das Auseinandersetzen mit den unterschiedlichen Bedürfnissen und Interessen ist der entscheidende Schritt zum Klärungsergebnis. Weniger Emotionen führen auch dazu, dass der Kampf- und Wettstreitmodus schneller in Richtung Lösung verlassen werden kann. Und das Bedürfnis, dem Anderen mal so richtig einen vor den Bug zu knallen ist bei Online Mediationen ebenfalls deutlich geringer. 

Glaubenssatz 3 – revised

Räumliche Distanz bringt emotionale Distanzierung mit sich – oftmals zum Vorteil für die Lösungsfindung!